12.9.2026

Aus Großbritannien weht dieser Tage eine verlockende Vision nach Deutschland, das sich in den Nachwehen der Sachsen-Anhalt-Wahl befindet. Es ist die Idee eines Kanzlertauschs: Friedrich Merz geht, wohl bei einem kurzfristig anberaumten Parteitag abgewählt, und würde ersetzt durch einen fähigen, trittsicheren und beliebten CDUler; vielleicht von der Ministerbank, vielleicht aus einer Staatskanzlei, etwa aus Hessen, Bayern oder NRW.
Wer den Deutschen dafür als gelungenes Beispiel dienen könnte, ist der neue britische Premier selbst, Andy Burnham. Während nämlich in Deutschland die Zukunft des Landes und seine angebliche Unregierbarkeit mit Bangen diskutiert werden, ist das kluge Vereinigte Königreich schon einen Schritt weiter. Hier wurde mal eben der glanzlose Keir Starmer — der erst 2024 Labour aus der Corbyn-Misere geholt und dann eine bedeutende Mehrheit gewann — beseitigt; sein Nachfolger Burnham grinst nun aus Number 10 und bespielt von dort mit Perfektion die politischen sowie sozialen Kommunikationskanäle des Landes. Plötzlich scheint es, als könne man das Land eben doch regieren, und zwar gut!
War da was? Vielleicht hat der ein oder andere mitbekommen, dass da jetzt ein neuer Brite bei den Ukraine-Runden oder in Clips von Unterhausdebatten zu sehen ist. Die Art und Weise des ad-hoc-Starts von Burnham, der bisher noch keinen Fehltritt geliefert hat und eine überaus überzeugende sowie anklangfindende PR-Kampagne gestartet hat, findet im hiesigen Medienraum weniger Beachtung. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt: Zu viel positive Berichterstattung über den scheinbar fliegend leichten Wechsel der Startelf in Westminster könnte ja auch den eigenen Kanzler unter Druck setzen. In so ungestümen Zeiten wie heute total unangebracht!
Ein erste Echo von Burnhams Politik hörte ich im Polit-Podcast “The Rest is Politics” Anfang des Jahres, wo sich Alastair Campbell (selbst Labour-Mitglied) darüber echauffierte, wie die Labour-Parteispitze gerade auf Keir Starmers Geheiß eine erste Kandidatur Burnhams fürs Parlament blockiert hatte. Dies sei undemokratisch. Tatsächlich hatte das National Executive Committee der Labour Partei den beliebten Bürgermeister von Greater Manchester von einer by-election im Gorton- und Denton-Bezirk ausgeschlossen. Der fadenscheinige Grund: eine Neuwahl des Manchester-Bürgermeisters sei zu aufwändig und kostspielig. Starmer stimmte dort für die Blockade — um einen prominenten potentiellen Wettbewerber aus Westminster fernzuhalten — doch am Ende half es nichts. Wegen der schlechten Umfragen seiner Regierung trat Starmer im Juni zurück, und Burnham konnte sich schnell unter den neuen Kandidaten durchsetzen. Es fehlte nur der Einzug ins Unterhaus, den er durch den Rückzug des jungen Parteikollegen Josh Simons antreten, und dann mit überzeugender Mehrheit aus dem Ärmel schüttelte. Wie über Nacht wurde Burnham plötzlich Premier.
Peak-Populism over? Seit Burnhams Antritt am 20. Juli ist die Labour-Partei wieder zur stärksten Kraft in den Umfragen aufgestiegen. Die zweitplatzierte Reform UK unter Nigel Farage erscheint derweil stümperhafter denn je, nachdem mehrere Spendenaffären mit ausländischen Agenten öffentlich wurden. Dabei hatte Farage gerade erst im August versucht, auf eine eigene Spendenaffäre mit einer Neuwahl in seinem Wahlbezirk zu reagieren, die sich aber zur Farce gerierte, nachdem alle Landesparteien ihre Kandidaten zurückzogen und Farage am Ende nur gegen den bekannten Komiker “Count Binface“ antreten musste. Wie Binface im Anschluss resümierte, hatten 10.000 Leute eben nicht Farage gewählt, sondern lieber einen Typen, der ein Space-Kostüm und eine wahrhaftige Müllhaube auf dem Kopf trug. Selbst die profilierte Kemi Badenoch von den Tories hat Schwierigkeiten, Burnham bei den Prime Minister’s Questions an den Kragen zu kommen. Zwar ist noch Luft nach oben für Labour, aber die Gefahr eines pincer-movements, bei dem Labour rechts von Reform UK und links von den Greens zerrieben würde — wonach es noch im Frühjahr aussah — ist erstmals gebannt. Ob die CDU, geschweige denn die SPD, zu einer gleichen Tat fähig wäre?
Es gibt sie noch, die guten Leute: Nicht in der ersten, nicht in der zweiten Reihe saß Burnham, sondern in Manchester. Der ehemalige Minister unter Gordon Brown hatte sich nach einer verlorenen Kandidatur 2010 für den Labour-Vorsitz aus der Bundespolitik zurückgezogen, um sich — völlig irre — als Bürgermeister von Greater Manchester zu bewerben. Doch im Nachhinein scheint seine Abkehr von Westminster, wo er noch als junger Abgeordneter frisch aus der Uni reüssiert hatte, konsequent gewesen zu sein. Innerparteilich war Burnham immer als “Blairite” bekannt, Anhänger der Reformen des sozial-liberalen Tony Blairs, der nicht nur Marktwirtschaft und (oops) den Irakkrieg konnte, sondern auch die Devolution, d.h. die Auslagerung von Regierungsverantwortung in die Länder- und Städtecluster wie Greater Manchester.
Es ist dieser Glaube an lokale Lösungen für die Probleme der Menschen (nicht London sondern Number 10 North — nicht Brüssel, sondern Duisburg?) der zur Grundfeste von Burnhams politischem Programm geworden ist, und dessen Resultate sich zumindest für Manchester sehr sehen lassen: Von der einmalig verfallenen Industrie-Klüfte ist die drei Millionen Stadt mittlerweile zu einer zweiten “City” neben London aufgestiegen, mit dem schnellsten Wachstum des Landes, während die Skyline nun mehr der von Dubai als von Liverpool ähnelt. Burnham sorgte unter anderem für einfachere Planungsgenehmigungen, integrierte das Nahverkehrssystem im Bee Network mit Preislimits für Bustickets unter 2 Pfund und verfolgte systematisch das Ziel, Obdachlosigkeit zu beenden.
Hier hat einer den Schuss gehört: Diese Prioritäten nationalisierte Burnham gleich am ersten Tag seiner neuen Amtszeit; er fokussiert sich konsequent auf das Thema Lebenshaltungskosten — seine ersten Amtshandlungen waren die Senkung der Steuern für Elektrizität und für Pubs — und er geht Probleme an, die andere bisher für “unlösbar“ erklärten. Die Ziele der neuen Regierung sind groß, sehr groß, und umfassen etwa den Aufbau eines zweiten Regierungssitz “Number 10 North” in Manchester, eine Re-Nationalisierung kritischer öffentlicher Infrastruktur, der Gleichsetzung praktischer Berufe zu akademischen, ein gigantisches Wohnungsbauprogramm, einem quasi-sofortigem Ende von Obdachlosigkeit, eine breit angelegte Reform des Pflege- und Sozialdienste (Burnhams Vater ist selber dement und wird betreut). Gleichzeitig strebt der Premier einen wachsenden Verteidigungshaushalt an (der ehemalige Defense Minister John Healey, der wegen mangelnder Verteidigungsausgaben im Juni zurücktrat, ist nun der neue Finanzminister), während der Staat auch fiskalisch saniert werden soll. Ob Burnham sich am Ende mit seinen ambitionierten Zielen durchsetzen wird, ist ungewiss, aber es scheint, als wären seine “politics of trying” zumindest ein frischer Wind für eine nationale Erneuerung, den die Wähler wertschätzen.
Unter dem Druck der Guild-Märkte bleibt der Regierung auch nicht viel Spielraum, sie kann etwa 5 bis 10 Milliarden extra ausgeben, bevor die Anleihenmärkte das Vertrauen verlieren würden. An Strukturreformen kommt Burnham somit nicht vorbei, insbesondere wenn er höhere Steuern und Abgaben vermeiden will, die im UK sowieso schon sehr hoch sind und gleichzeitig nur dürftige öffentliche Dienste und Infrastruktur hervorgebracht haben. Das Bild ist klar. Es braucht deutlich mehr Investitionen in das Land, aber diese können nicht einfach durch neue Schulden oder noch höhere Steuern finanziert werden, ohne das Wachstum zu beeinträchtigen. Burnhams Fokus auf regionale Entwicklung außerhalb Londons, mehr Kompetenzen für die Gemeinden (etwa um Steuern und Regelungen selbst festzulegen) und eine Sozialwirtschaftspolitik, die auf Kooperativen und Handwerk setzt, sind jedoch neue Ansätze, die dem festgefahrenen Land neue Perspektiven bieten können.
No (easy) way home: All dies ist weder einfach noch schnell zu erreichen, doch setzt Burnhams eigener Stil in direkten Kommunikation über sozialen Medien schon neue Maßstäbe: permanent macht er den Wählern klar, was er gerade jetzt, heute und morgen für sie tut. Hier versucht jemand zumindest Besserung herbeizuführen. Sein Vorgänger Keir Starmer war mit denselben Problemen konfrontiert, konnte aber immer nur davon sprechen, dass es erst “schlimmer werden muss, bevor es besser werden kann”, dass seine Reformen wehtun würden und dass man wegen irgendwelcher internationaler Absprachen nicht handeln könne. Schwierig damit das Volk mitzunehmen …
Am Ende ist Burnham kein Linker, der konservative Politik macht, und auch kein Rechter, der linke Politik macht. Man muss nicht alle seine Ideen mögen, aber in der Politik ist es nun mal so, dass die Leute eine Rügenwalder-Teewurst wollen, in der auch Rügenwalder-Teewurst drin ist! Burnham ist einer von sieben Labour-Abgeordneten des Cooperative Movements, einer Fortschrittspartei aus dem 19. Jahrhundert, die nicht auf klassische sozialdemokratische Ansätze und Gewerkschaften setzt, sondern für “Genossenschaften”, Gemeineigentum und Mitbestimmung am Arbeitsplatz wirbt, um das Leben der Menschen wirklich zu verbessern. Genau dafür steht er, und steht er ein: etwas, das dem Kanzler in Deutschland auch nach der gewonnenen Wahl gut zu Gesicht gestanden hätte. Auch wenn Keir Starmer viel geleistet hat und Friedrich Merz ebenso seine Meriten verdient hat, zeigt das Beispiel Burnham, dass es eben doch noch gute Kräfte mit Regierungserfahrung gibt, die wieder Ideen haben, wie man die Dinge verbessern kann. Als Regierung und als Kanzler müsste man nur den Mut besitzen um …
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